Mode nur für Menschen mit Down-Syndrom von Martha Berwanger

1994 wurde der Satz „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ in Artikel 3 Absatz 3 in das Grundgesetz aufgenommen. Diese Änderung gilt als großer Schritt für eine bessere Integration behinderter Menschen in die Gesellschaft.
In der Realität jedoch erfahren Menschen mit Behinderung immer noch häufig Diskriminierung und Ausgrenzung. Derzeit wird die Inklusionsdebatte meist in Bezug auf die Beschulung behinderter Kinder geführt. Inklusion betrifft aber nicht nur die Schulzeit und das Arbeitsleben, sondern ist in allen Lebensreichen relevant. Auch in der Modeindustrie werden Menschen mit Behinderung häufig nicht berücksichtigt.

Erwachsene Menschen mit Down-Syndrom (DS) haben besondere, oft von der Norm deutliche Abweichungen der Körperform. Dies macht sich bei der konfektionierten, regulären Passform besonders bemerkbar.

In meiner Bachelorarbeit habe ich geprüft, ob es möglich ist, Menschen mit DS als eigene Zielgruppe im Modemarkt zu adressieren, um ihnen mehr Teilhabe in der Bekleidungsbranche zu ermöglichen. Die Idee zu dieser Arbeit entwickelte sich schon am Anfang meines Bachelorstudiums in Modedesign. Meine ältere Schwester Hanna, die das Down- Syndrom hat, fühlt sich oft von der Mode ausgeschlossen, da sie aufgrund ihrer besonderen Körpermaße Schwierigkeiten hat, passende Kleidung zu finden. Daher war mir das Thema dieser Arbeit auch ein persönliches Anliegen.


Um als Zielgruppe angemessen adressiert werden zu können, müssen Menschen mit DS den Bedarf an einer Erweiterung des aktuellen Bekleidungsangebotes sehen. Außerdem müssen sie weitgehend homogene Anforderungen und Bedürfnisse an ihre Bekleidung haben. Auch die Körpermaße sollten sich ähneln, damit Konfektionsgrößen berechnet werden können. Hierfür wurden 19 Menschen mit DS interviewt, 75 Eltern und Betreuer mit Hilfe einer Online- Umfrage befragt und von 70 Menschen mit DS die Körpermaße aufgenommen.
Über 90% der befragten Eltern und Betreuer nehmen beim derzeitigen Bekleidungsangebot Passformschwierigkeiten wahr. Das Öffnen und Schließen von Verschlüssen ist für viele Menschen mit DS eine Herausforderung. Knöpfe bereiten die meisten Probleme.
Durch viele Körpermaßerhebungen und der Unterstützung sozialer Vereine in Deutschland ist es mir gelungen, Konfektionsgrößen für Menschen mit DS zu errechnen. Auf den Bildern sehen Sie die im Rahmen der Bachelorarbeit entstandene Kollektion. Henriette, Melissa und Nina tragen hier die konfektionierte Kleidung. Die angefertigten Kleidungsstücke haben ausschließlich unauffällige Magnet-und Klettverschlüsse.

In einem Unternehmen, welches sich auf Mode für Menschen mit DS spezialisiert, soll aus eigener Überzeugung eine hohe soziale Verantwortung im Mittelpunkt wirtschaftlichen Handelns stehen. Ein achtsamer Umgang mit Umwelt und Gesellschaft soll in allen Entscheidungen berücksichtigt werden. Auch in der Fertigung der Kollektion soll ein Beitrag zur Integration geleistet werden, indem die Arbeit von Menschen mit Behinderung gefördert und wertgeschätzt wird. Aus diesem Grund wurde die Kollektion in der Wergo
Textilwerkstatt gefertigt.

Ich bedanke mich herzlich für die tolle Zusammenarbeit und die
freundliche Unterstützung. Ich freue mich, weiterhin mit Wergo zusammen arbeiten zu
dürfen!